Die erste Bier-Tageszeitung der Welt. Herausgegeben von BrauKon, Truchtlaching.
Chefredakteur Der Biersepp.

Wien (AT): Die Schank des Grauens

Von BIERtäglich Redakteur Martin Freitag

Martin Freitag schreibt in seinem ÖBWSV-Blog eine Geschichte, die wir Ihnen nicht vorenthalten wollen. 

Wien-Ottakring im Februar 2012: In einem Szenelokal – wir nennen keinen Namen -  feiert der versammelte ÖBWSV-Vorstand am Abend des Valentinstages seinen Gründungstag. Die Lokalsauswahl war wohlüberlegt und kam nicht von ungefähr, führt dieses Café doch eines der Biere, bei dessen Genuss die Idee zur Vereinsgründung reifte (ich nenne wieder keinen Namen). Reminiszenzen also bis dorthinaus – und die Vorfreude auf hervorragende Biere, die ein paar dem Alltagstrott abgetrotzte Stunden zu einem Erlebnis machen sollten.

“Sie haben das Zwickel”, rief ich verzückt beim Betrachten der Karte aus, und orderte auch gleich ein Krügerl, ansonst man in der Runde der filtrierten Version zusprach. Eine Entscheidung, die ich bitter bereuen sollte. Denn was mir zwei Minuten später unter die Nase kam, war, euphemistisch formuliert, eine Zumutung. Von der Zumutung zur Vermutung: allein dem Geruch nach dürfte dieses Bier drei Tage in der Leitung gestanden haben. Und ich Unglückseliger war anscheinend der erste seit längerer Zeit, der das Zwickel vom Fass genießen wollte. Was auch immer diese trübe Flüssigkeit war: das Kosewort “Bier” hatte es nicht verdient. Fauliger Dunst und eine saure Note Prädikat “verschimmelter Badeschwamm” mischten sich zu einem Geruch des Untodes, der in mir den dringenden Wunsch nach einem Antiemetikum erzeugte. Der Vollständigkeit halber – wohl aus einem daseinsverneinenden, selbstlosen Pflichtgefühl heraus – nippte ich einmal an diesem Zwickel des Grauens: ein Biertumor im Endstadium.

Flugs war die dienstbeflissene Schankmaid an den Tisch zitiert, der ich mein Problem (eigentlich IHR Problem)  auseinandersetzte. Gerne hätte ich ihr gesagt, dass hier ein an sich großartiges Bier einer meiner Lieblingsbrauereien in den Verwesungsprozess übergegangen ist – ich beließ es bei der Bitte, das Bier gegen ein weniger gesundheitsgefährdendes auszutauschen. Ein ungläubiger Blick – die Frage in ihren Augen: “Spinnt der?” – und eine kurze Szene der Stille zwischen uns beiden, die erst durch mein insistierendes “Riechen Sie doch mal!” gebrochen wurde. Sie roch nicht und nahm meine Beschwerde gleichgültig und wortlos zur Kenntnis. So einer wie ich dürfte ihr noch nicht untergekommen sein – jemand, der Bier nicht einfach nur runterkippt, sondern es genießen will, die Qualität moniert und es zurückschickt, ja nachgerade zurückschicken muss, um nicht all seine Prinzipien zu verraten und seinen Gaumen nicht auf ewig zu beleidigen. Ohne ein Wort der lieben Frau wurde es, seinem Charakter entsprechend, hinter der Schank zu Grabe getragen – quittiert von einem Kopfschütteln des Wirtes. Ein kurzer, vorwurfsvoller Blick traf mich, als wollte er sagen: “Du Banause, wie kann man nur solch ein gutes Bier wegschütten?”.

Lieber Wirt: ein Kopfschütteln hilft weder dem Biere, noch dem Gast. Weiß man, dass ein Bier vom Fass länger nicht bestellt wurde, unterliegt man bei der nächsten Bestellung einfach der Pflicht des Vorzapfens – oder man hat, so weh das tut, das Fass zu tauschen. Das ist ein ganz einfacher Grundsatz im Qualitätsmanagement bei der Bierpflege. Wenn man mit der Pflege des Bierangebots vom Fass überfordert ist, muss man Hähne reduzieren. Wir wollen Bier geniessen. Und zwar in dem einwandfreien Zustand, in dem es die Brauerei auch verlassen hat. Denn darauf haben sowohl Brauer als auch Gast ein Anrecht. Zur Ehrenrettung des Wirtes sei der Fairness halber angemerkt, dass die folgenden Biere (aus einer anderen Leitung) in Ordnung waren. Die betroffene Brauerei wird allerdings von mir in den nächsten Tagen über dieses Erlebnis informiert – weil ich die Menschen dort schätze und ein gutes Verhältnis zu ihnen habe. Klar, Fehler passieren – aber gerade in einem solch sensiblen Bereich wie der Gastronomie ist das höchst problematisch. Und wer mir jetzt nachsagen möchte, ich sei ein kleinlicher Querulant, dem sei das gestattet. In Sachen Biergenuss und Schankkultur kenne ich keinen Spaß – auch wenn ich (noch) gegen Windmühlen kämpfe. So sei ich denn der Don Quijote von Wien – im Bewusstsein der Wirte besteht hinsichtlich einer einwandfreien Schankkultur da und dort jedenfalls Verbesserungsbedarf.

Gastronomie

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